Hautzustände

Die Menopause: Wandel und Neuentdeckung

10. Juni 2025
Dr. Anne Latz ist Ärztin mit einem Master of Scienes in Betriebswirtschaftslehre und einem Doktortitel in Neurowissenschaften.
Dr. Anne Latz

Lifestyle Medicine

Die Menopause – oft als biologische Zäsur im Leben einer Frau beschrieben – ist weit mehr als das Ende der Fruchtbarkeit. Sie markiert eine Phase des körperlichen und seelischen Wandels, die oft übersehen, bagatellisiert oder auch dramatisiert wird. Während körperliche Symptome wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Gewichtszunahme bereits vielen ein Begriff sind, bleiben die psychischen Begleiterscheinungen oft im Schatten – obwohl sie für viele Frauen die größte Herausforderung darstellen.

Auch fehlt der Blick auf positive Assoziationen dieser wichtigen Phase im Leben einer Frau: auf die Chance, sich selbst wieder mehr in den Fokus zu stellen und Expertin für den eigenen Körper zu werden.

Veränderung auf zwei Ebenen: Körper und Geist

Fest steht: Für Frauen ist die Veränderung ihres Selbstbilds und Körpers die einzige Konstante im Leben. Veränderungen in den Hormonen, in der eigenen Stimmung. Darin, wie sich unser Körper anfühlt oder wie wir uns in unserem Körper fühlen. Der Grund sind komplexe hormonelle Tänze – ein hoch spannendes Phänomen. Wir sollten uns deshalb stets ermutigen, Detektivinnen zu sein, die die Hinweise unseres Körpers lesen und mit Signalen der Psyche in Zusammenhang bringen. Der Begriff psychometabolische Gesundheit unterstreicht die wechselseitige Beziehung zwischen mentalem Wohlbefinden und Stoffwechselfunktion.

Wenn Frauen in die Perimenopause eintreten, werden hormonelle Schwankungen deutlicher. Der einhergehende Rückgang des Östrogenspiegels kann den Stoffwechsel beeinflussen. Östrogen spielt eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung der metabolischen Gesundheit. Sein Rückgang kann zu Veränderungen in der Fettverteilung (insbesondere Zunahme der Fettmasse und Abnahme der fettfreien muskulären Masse), zu einer damit verbundenen Gewichtszunahme – insbesondere im Bauchbereich – sowie zu einem erhöhten Risiko für metabolische Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes beitragen. Besonders für Frauen, die bereits übergewichtig oder adipös sind, stellt dies eine zusätzliche Belastung dar. Diese Veränderungen in Körperzusammensetzung und Hormonlage erschweren zudem die Regulation des Blutzuckerspiegels – selbst durch Bewegungs- oder Ernährungsroutinen, die zuvor über Jahrzehnte gut funktioniert haben. Das Energiemanagement des Körpers gerät in den Krisenmodus. Blutzuckerspitzen und -abfälle können auftreten, was Hungergefühle und Heißhungerattacken auslöst und zu weiteren Gewichtsproblemen beitragen kann. Zudem entsteht durch den empfundenen Kontrollverlust über den Körper großer psychischer Stress. Dieser kann wiederum den Stoffwechsel beeinflussen und möglicherweise zu Zuständen wie Insulinresistenz oder dem metabolischen Syndrom beitragen. Ein Teufelskreis, solange er nicht erkannt wird. Was hier hilft: Probleme und Veränderung benennen und individualisierte Lebensstilmaßnahmen vornehmen, die helfen, wieder Kontrolle zu erlangen.

Psychische Symptome: Wenn die Seele mit in den Wechsel geht

Wenn es um Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit geht, heißt es immer schnell, das seien „die Hormone“. Doch diese Signale sollte die Detektivin in uns ernst nehmen: Ängstlichkeit, depressive Verstimmungen, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme, ein Gefühl von Leere oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren – all das sind häufig frühe, aber unspezifische Zeichen der Perimenopause.

Diese Symptome sind kein Zufall. Hormonelle Veränderungen, insbesondere der Abfall von Östrogen und Progesteron, beeinflussen unmittelbar das neurochemische Gleichgewicht im Gehirn. Serotonin und Dopamin – Neurotransmitter, die für Wohlbefinden, Motivation und Ausgeglichenheit verantwortlich sind – geraten aus dem Takt. Auch der Cortisolspiegel (das Stresshormon) kann in dieser Phase erhöht sein, was die emotionale Labilität zusätzlich verstärken kann. Dazu kommt Schlafmangel durch nächtliche Unruhe, Hitzewallungen und Schlafstörungen. Zudem Stress durch die zuvor beschriebene Veränderung des Körpers, die sich erst mal der eigenen Kontrolle entzieht. Eine Phase der Veränderung auf vielen Ebenen, die oft auch mit „Life Events“ im Außen zusammenfällt: Die Kinder werden flügge, geliebte Menschen versterben, die berufliche Perspektive verändert sich.

Hormonelle Veränderungen stören das neurochemische Gleichgewicht: Serotonin, Dopamin und Cortisol geraten aus dem Takt – Stimmung und Wohlbefinden leiden.

Hinzu kommt ein kultureller Aspekt: Unsere Gesellschaft feiert Jugend, Leistungsfähigkeit und Produktivität. Wenn Frauen sich plötzlich nicht mehr „funktional“ fühlen, kann das zu einem Gefühl des Versagens führen – eine toxische Mischung, die psychische Beschwerden weiter anheizen kann.

Wichtig ist:


(Psychische) Symptome der Menopause sind hoch individuell. Nicht jede Frau muss mit Ängstlichkeit und Depressivität reagieren. Oft spielen Vulnerabilitäten aus der Biografie eine große Rolle, ebenso wie bestehende Ressourcen. Für alle Frauen gilt: entscheidend ist, das richtige „Team“ an der Seite zu haben. Neben Familie und Freunden darf ganz weit und kreativ gedacht werden: Welche Menschen tun mir gut? Welche Qualitäten brauche ich an meiner Seite? Neben professioneller ärztlicher oder psychologischer Begleitung können Fitnesstraining, Ernährungsberatung, Massagetherapie, Selbsthilfegruppen, Online-Formate oder auch alternative Heilmethoden in die Crew der Begleitenden hinzugenommen werden. Eine neue Routine, ein neuer Look, eine neue Art Self Care zu praktizieren – alles ist erlaubt und hilfreich, solang es selbst gewählt ist.

Denn genau hier setzt Ihr neuer Blickwinkel auf diese Lebensphase an: Die Menopause ist keine Krankheit, sondern eine Veränderungsphase – mit immensem Potenzial für persönliches Wachstum und Fokus auf die eigenen Bedürfnisse. Ungewohnt, aber lohnenswert.

Reframing: die Wechseljahre als Einladung zur Neuausrichtung


Statt die Wechseljahre als Abwärtsspirale zu betrachten, kann ein Perspektivwechsel helfen: Was, wenn die Menopause eine Phase der Befreiung ist? Der Beginn einer neuen Identität – jenseits von Mutterrolle, Verantwortungsträgerin, Schönheitsdiktaten und gesellschaftlichen Erwartungen?

Psychologische Ansätze wie das „Positive Aging“, die neuen Wellen der Psychotherapie oder Methoden aus der Achtsamkeitspraxis setzen genau hier an: Sie unterstützen Frauen dabei, diesen Wandel aktiv zu gestalten, statt ihn passiv zu erleiden.

Identitätsarbeit: Wer bin ich jenseits meiner Rolle

In der psychotherapeutischen Arbeit mit Frauen in der Menopause steht oft eine zentrale Frage im Raum: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr gebraucht werde? Wenn ich nicht mehr leisten kann?

Diese Phase bietet die Chance, sich neu zu definieren – als Frau, als Mensch, als Individuum. Das bewusste Auseinandersetzen mit Werten, Zielen und Träumen, die vielleicht lange verschüttet waren, kann zu einer tiefen Form der Selbstverwirklichung führen. Methoden wie das logotherapeutische Reframing nach Viktor Frankl oder das Arbeiten mit inneren Anteilen nach dem Modell der Schematherapie bieten hier effektive Wege. Systemtherapeutisches Arbeiten kann auch die Familie mit in die Formulierung einer neuen Rolle einbeziehen.

Achtsamkeit und Selbstmitgefühl statt Selbstoptimierung

Während viele Frauen dazu neigen, in dieser Lebensphase noch mehr zu leisten, um die vermeintlich „schwindende Kraft“ zu kompensieren, empfehlen Psychologen/Psychologinnen genau das Gegenteil: innehalten, spüren, akzeptieren.

Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) – ein wissenschaftlich fundiertes Achtsamkeitstraining – zeigt nachweislich positive Effekte auf depressive Symptome, Schlafstörungen und Stress in der Menopause. Es geht nicht darum, Symptome wegzudrücken, sondern ihnen mit Neugier und Mitgefühl zu begegnen. Denn: Was gesehen wird, kann sich verändern.

Das geht nicht, wenn versucht wird, mit sich verändernden Ressourcen alles so weiter zu machen wie bisher. Das macht noch mehr Stress – und den wollen wir bekanntlich reduzieren. What brought you here – won‘t get you there.

Körperorientierte Psychotherapie: Wenn Worte nicht reichen

Der Körper spricht oft, bevor der Verstand folgen kann. In körperorientierten Verfahren wie dem Somatic Experiencing, konzentrativer Bewegungstherapie oder der Tanztherapie finden Frauen Zugang zu unbewussten Spannungen, emotionalen Blockaden und Ressourcen, die tief in ihnen schlummern. Diese Zugänge stärken das Selbstgefühl und helfen dabei, wieder in Kontakt mit der eigenen Kraft zu kommen. Zudem können sie helfen, wieder liebevoller auf den eigenen Körper zu schauen. Etwas, das verständlicherweise zu kurz kommt, wenn negativ konnotierte Symptome den Alltag bestimmen.

Die unterschätzte Rolle des Blutzuckers

Ein oft übersehener, aber hochrelevanter Faktor im psychischen Gleichgewicht während der Menopause ist das Blutzuckermanagement.

Durch den hormonellen Umbau wird der weibliche Stoffwechsel träger. Der sinkende Östrogenspiegel wirkt sich negativ auf die Insulinsensitivität aus – was bedeutet: Der Körper verarbeitet Zucker schlechter, der Blutzuckerspiegel schwankt stärker. Diese Schwankungen wiederum haben direkten Einfluss auf die Stimmung. Ein „Zuckerhoch“ kann kurzfristig Energie geben, gefolgt von einem abrupten Tief – oft begleitet von Reizbarkeit, Nervosität oder depressiven Verstimmungen.

Blutzuckerschwankungen in der Menopause beeinflussen Stimmung und Energie – stabile Werte durch ballaststoffreiche Ernährung fördern Wohlbefinden und Fokus.

Studien zeigen, dass eine blutzuckerfreundliche Ernährung reich an Ballaststoffen, gesunden Fetten und ausreichend Proteinen helfen kann, den Blutzucker zu stabilisieren – und damit auch die emotionale Grundstimmung. Die Aufrechterhaltung stabiler Blutzuckerspiegel ist entscheidend, um das Gehirn konstant mit Energie zu versorgen – eine grundlegende Voraussetzung für optimale kognitive Leistungsfähigkeit und emotionales Wohlbefinden.

Auch intermittierendes Fasten, regelmäßige Alltagsbewegung verbunden mit Krafttraining und das Meiden von verstecktem Zucker (z. B. in Fertigprodukten und Light-Getränken) tragen dazu bei, das hormonelle System zu entlasten. Wer also psychisch stabiler durch die Menopause gehen möchte, sollte den Blutzucker ernst nehmen – nicht als Diättrick, sondern als neurobiologisches Selbstfürsorge-Tool.

Drei psychologische Hacks für jede Frau in der Menopause


Diese drei konkreten, alltagstauglichen Hacks können Sie sofort ausprobieren und – wenn wirksam und passend – in den Alltag integrieren. Kleine Veränderungen machen in Summe den Unterschied.

Journaling mit Fokus auf Dankbarkeit und Selbstdefinition

Nehmen Sie sich jeden Morgen oder Abend fünf Minuten, um folgende Fragen schriftlich zu beantworten:

Wofür bin ich heute dankbar?
Was tut mir gut?
Wer möchte ich in dieser Lebensphase an diesem Tag sein?

Diese einfache Praxis des Journalings kann nachweislich psychische Symptome lindern, den Blick für Ressourcen schärfen und das Gefühl von Kontrolle zurückbringen. Außerdem gibt sie dem Raum, was gerade wichtig ist: Veränderung.

Der 3-Minuten-Reset mit Atemarbeit

Wenn Sie sich überflutet von Reizen und Gefühlen fühlen – von Reizbarkeit, Traurigkeit oder innerer Unruhe – nehmen Sie sich drei Minuten für folgende Übung:

Atmen Sie 4 Sekunden ein.
Halten Sie den Atem 7 Sekunden an.
Atmen Sie 8 Sekunden aus.
Wiederholen Sie den Zyklus bewusst für 3 Minuten.

Diese Übung aktiviert den Parasympathikus, also den Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Erholung zuständig ist – ein echter Minitherapeut für unterwegs.

Der „Blutzucker-Buddy“: Starten Sie jeden Tag mit Protein

Statt mit einem Smoothie, Hafermilchcappuccino, Marmeladentoast oder Müsli in den Tag zu starten, wählen Sie morgens eine proteinreiche Mahlzeit – z. B. eine Eierspeise, griechischen Joghurt mit Beeren, Nüsse oder einen Proteinshake mit pflanzlichen Proteinquellen. Ein ausgewogenes Frühstück mit ausreichend Proteinen hält problemlos vier Stunden satt.

Ein stabiler Blutzucker am Morgen wirkt wie ein psychischer Airbag für den ganzen Tag.

Fazit: Zuversicht für die Jahre des Wandels


Die Menopause ist keine Zeit des Zerfalls und schon gar nicht der Anfang vom Ende, sondern eine Zeit des Erwachens. Sie regt nicht nur dazu an, sich besser zu verstehen und zu akzeptieren, sondern wachsen zu können. Mit der richtigen Begleitung (Teamwork is dreamwork!), einer bewussten Ernährung, ausreichend Schlaf, einer kraftvollen Bewegung und einem wertschätzenden Blick auf die eigenen Bedürfnisse wird die Menopause zu einer Einladung, das Leben neu zu gestalten. Energetisch, bewusst und authentisch.


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© Hildegard Braukmann