Im Dialog – Rosazea und Psyche
Lifestyle Medicine
Rosazea ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die nicht nur auf der Haut sichtbar ist, sondern auch emotionale Auswirkungen haben kann. Gleichzeitig beeinflusst das emotionale Wohlergehen, wann oder wie stark sich auf der Haut Rötungen zeigen. Ein Blick auf diese zweiseitige Verbindung zwischen Rosazea und Psyche lohnt sich, um den Teufelskreis zwischen körperlichem und psychischem Leid zu durchbrechen. Was vielleicht überrascht: Neben typischen Triggerfaktoren wie Hitze und Stress können auch unsere Mikrobiom- und vermutlich auch unsere Hormonbalance einen direkten Einfluss auf die Entwicklung und das Fortschreiten von Rosazea haben.
Entstehung von Rosazea – Einfluss der Psyche
Die genaue Ursache von Rosazea ist noch nicht vollständig verstanden. Viele Systeme unseres Körpers sind involviert. So wird angenommen, dass genetische, entzündliche, die Nervenzellen betreffende (neurogene) und die Blutgefäße betreffende (vaskuläre) Faktoren sowie Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Gerade Letztere geben uns die Möglichkeit, das Auftreten der Hautveränderungen zu beeinflussen. Das Vertrauen in die Kraft einer eigenen Einflussnahme auf das, was geschieht, nennt sich Selbstwirksamkeit. Diese hilft, mit einer chronischen Erkrankung wie der Rosazea umgehen zu können, ohne psychisch belastet zu sein. Die Symptome der Rosazea treten vorübergehend oder kontinuierlich auf. Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass psychische und hormonelle Faktoren – insbesondere bei der Entstehung von Schüben – stärker involviert sein könnten, als lange angenommen wurde.
Wie wirkt sich Stress auf die Haut aus
Stress, emotional oder physisch, wird oft als sogenannter Triggerfaktor für Rosazea-Ausbrüche identifiziert. Lange standen biologische Stressoren wie UV-Licht, Kälte bzw. Hitze sowie Alkohol und scharfe Speisen als typische Auslöser im Fokus. Doch mittlerweile ist klar, dass emotionale Ereignisse wie beruflicher Druck, soziale Ängste oder zwischenmenschliche Konflikte, den Verlauf der Krankheit unmittelbar beeinflussen. Neben Sonnenexposition ist emotionaler Stress bereits der zweithäufigste Trigger, den Betroffene nennen. Nicht alle Faktoren haben die gleiche Wirkung, sondern sind sehr individuell. Eine Möglichkeit, die eigenen Auslöser bestmöglich zu verstehen, ist das Verfassen eines Tagebuchs. Darin können Aktivitäten und Events dokumentiert werden, die das Aufflammen oder eine Verstärkung der Symptome bedingen. Auch dadurch wird die Selbstwirksamkeit gestärkt, da die individuellen Muster verstanden werden können.
Typische emotionale Auslöser – the good, the bad and the ugly
Sollen wir jetzt also möglichst emotionsneutral durchs Leben gehen? Natürlich nicht. Viel wichtiger ist es, zu verstehen, welche der sogenannten Trigger vermeidbar und welche nicht oder kaum beeinflussbar sind. Auch ist das Verstehen der Auslöser oft der wichtigste Schritt zur Akzeptanz. Statt sich über Hautreaktionen zu wundern, obwohl es uns gut geht, hilft es zu verstehen, dass alle Arten von Gefühlen ganze Kaskaden von Botenstoffen in unserem Körper auslösen. Vielleicht kann der Flush dann auch als ein positives Signal für ein wertvolles Lebensereignis gewertet werden.
Einflüsse von Stress auf die Haut
Was machen emotionale Stressoren in Körper und Haut? Es wird angenommen, dass sowohl die Funktion der Nerven- als auch der Blutgefäße durch Stressoren beeinflusst wird und so die typischen Hautreaktionen entstehen. Auch wenn der genaue Mechanismus, wie Stress auf die Rosazea wirkt, noch nicht verstanden ist, so wurde bereits in mehreren Studien gezeigt, dass emotionaler Stress auf Zellebene die Antwort des Immunsystems und die Entladung von Nervenzellen beeinflusst.
Viele Autoren beschreiben Rosazea deshalb als neurogene, das heißt vom Nervensystem ausgehende, Entzündung. Vorstellen kann man sich eine Situation, in der man plötzlich starke Angst oder Überraschung empfindet, z. B. wenn man spontan im Meeting etwas vorstellen muss oder von einer Aufgabe überrumpelt wird. Im Körper wird daraufhin durch das sympathische Nervensystem die Reaktion „Fight or Flight“ mit dem Ziel losgetreten, uns zu schützen und die Aufgabe zu bewältigen. Dabei werden Stress- und Stimmungshormone (besonders das Corticotropin-Releasing-Hormon, kurz CRH, sowie Adrenalin und Noradrenalin) ausgeschüttet. Diese wirken direkt auf sogenannte Inflammasomen, wichtige Strukturen innerhalb von Zellen, die die Entzündungsreaktion des angeborenen Immunsystems stark beeinflussen. Eine Entzündungskaskade wird wie eine Reihe von Dominosteinen entlang verschiedener Pfade mit dem Ziel ausgelöst, den Stressor zu bewältigen. Bei Rosazea spielen wahrscheinlich fehlregulierte Proteine eine bedeutende Rolle im Zusammenhang mit den Inflammasomen. Diese Strukturen sind auch potenzielle Ziele für zukünftige therapeutische Strategien und Gegenstand aktueller Forschung. Bei Menschen mit Rosazea werden erhöhte Entzündungsreaktionen in der Haut beobachtet. So wird beispielsweise das CRH durch akuten Stress direkt in der Haut ausgeschüttet. Dies wiederum führt zu einer Aktivierung von Mastzellen (körpereigenes Abwehrsystem), zu einer Gefäßweitung und Erhöhung der Durchlässigkeit der Gefäße. Von außen sichtbar als Rötung.
Wenn man bereits niedergeschlagen ist
Wichtig zu wissen:
Die emotionale Beeinträchtigung gilt es ernst zu nehmen. Gerade wenn Gefühle von Traurigkeit, niedrigem Selbstwert und Hoffnungslosigkeit über zwei Wochen täglich bestehen, der Antrieb nachlässt und sozialer Rückzug auftritt, sollten Sie mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt, Ihrer Dermatologin, Ihrem Dermatologen oder sonstigen Vertrauenspersonen besprechen, wie Sie sich professionell unterstützen lassen können. Auch Selbsthilfegruppen können eine Entlastung bieten.
Nicht zu vergessen – die Sexualhormone
Auch hormonelle Veränderungen, insbesondere bei Frauen, sind möglicherweise ein Triggerfaktor für Rosazea. Hier stellt sich die Frage, inwieweit Hormonschwankungen, wie ein Mangel an Progesteron oder ein Überschuss an Östrogen, die Entstehung und den Verlauf von Rosazea beeinflussen können. Studien deuten darauf hin, dass Hormone einen erheblichen Einfluss auf die Hautgesundheit haben, und eine hormonelle Balance zwischen Östrogen und Progesteron einen positiven Effekt auf die Krankheitsaktivität haben könnte.
Hormonelle Veränderungen, insbesondere während des Menstruationszyklus oder der Menopause, können laut einzelnen Berichten bei Frauen zur Verschlimmerung von Rosazea-Symptomen führen. Die genaue Rolle bzw. das ideale Gleichgewicht der Sexualhormone Östrogen und Progesteron bei der Hautgesundheit ist ein aufstrebendes Forschungsgebiet. Östrogendominanz könnte eine entscheidende Wirkung für starke Schübe haben. Dafür sprechen auch Beobachtungen von Frauen nach den Wechseljahren: Das Auftreten von Rosazea scheint in dieser Phase geringeren Östrogenlevels reduziert zu sein. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Mangel an Progesteron und Rosazea wird ebenfalls derzeit erforscht. Progesteron hat generell entzündungshemmende Eigenschaften. Ein Abfall, wie er oft zu Beginn der Menopause oder in der zweiten Zyklushälfte auftritt, könnte die Symptome verschärfen, so die Hypothese. Auch wird ein Mangel an Progesteron mit einer Erweiterung von Blutgefäßen in Verbindung gebracht, was die sichtbaren Rötungen bei Rosazea verstärken könnte. Diese Erkenntnisse könnten neue Ansätze für die Behandlung von Rosazea eröffnen, indem sie hormonellen Ungleichgewichten begegnen. Andere Studien zeigen wiederum, dass eine Behandlung rein mit Progesteron zur hormonellen Verhütung eher gegenteilig, nämlich mit einer Verschlimmerung der Symptome korreliert. Auch trägt Östrogen zur Hautelastizität und -feuchtigkeit bei und ist für gesunde Hautalterung wichtig. Hier ist also noch weitere Forschung nötig, welche Hormonbalance im Kontext der Rosazea ideal ist und wie sie individuell genutzt werden kann.
Der Zusammenhang zwischen Rosazea und Psyche ist komplex
Eine so komplexe Erkrankung braucht eine ganzheitliche Behandlung: Ein Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichender Trinkmenge und Schlaf sowie regelmäßiger Bewegung hilft dabei, Resistenz gegenüber Stressoren und psychischer Belastung durch die Erkrankung zu entwickeln. Ein gesunder Körper stärkt das Immunsystem. Dem Mikrobiom der Haut und des Darms wird ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Vermittlung der Zusammenhänge zwischen Stimmung und Haut zugeschrieben. Hier sitzt schließlich ein großer Teil unseres Immunsystems. Ballaststoffreiche und bunte Ernährung reich an Probiotika stärkt die Darmbakterien. Der Zusammenhang zwischen Rosazea und Psyche ist komplex. Eine ganzheitliche Herangehensweise, die die physischen und emotionalen Aspekte der Krankheit berücksichtigt, scheint der aktuell beste Behandlungsansatz. Es ist wichtig, zu beachten, dass die Beziehung zwischen Rosazea und Psyche von Person zu Person variieren kann. Nicht alle Menschen mit Rosazea erleben eine starke Beeinflussung durch emotionale Faktoren, und die Krankheit kann auch unabhängig von Stress auftreten. Ein Behandlungsansatz, der sowohl die dermatologischen als auch die psychologischen Aspekte berücksichtigt, kann jedoch hilfreich sein. Es ist ratsam, mit einer Dermatologin, einem Dermatologen und gegebenenfalls einer Psychologin, einem Psychologen zusammenzuarbeiten, um eine individuell angepasste Behandlungsstrategie zu entwickeln. Hier sind die Präferenz und der Leidensdruck der Betroffenen maßgeblich. Sie entscheiden, auf welchem Fokus die Behandlung liegt.