Ayurveda – altes Wissen für neues Wohlbefinden
Redakteurin, Autorin & Bloggerin
Entspannende Massagen, duftende Gewürze, warme Ölgüsse … Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an Ayurveda denken? Hinter dem Begriff verbirgt sich weitaus mehr als ein Wellness-Trend: Auch hierzulande erkennen immer mehr Ärztinnen und Ärzte an, dass die ganzheitliche Gesundheitslehre unsere westliche Medizin sinnvoll ergänzen kann. Warum wir heute noch von der alten indischen Naturheilkunde profitieren und wie wir mit Ayurveda mehr Wohlbefinden im Alltag erlangen.
Etwa viertausend Jahre ist es her, dass sich die Medizin in Nordindien auf der Basis von Gewürzen, Heilpflanzen und Mineralien entwickelte. Heilkundige und Priester gaben das Wissen mündlich weiter, erst einige Jahrhunderte später wurde es verschriftlicht. Diese alten sogenannten vedischen Schriften bergen einen kostbaren Schatz: „Das Wissen vom Leben“. So lässt sich der Begriff „Ayurveda“ – der aus der altindischen Sanskrit-Sprache stammt – übersetzen.
Während sich die westliche Schulmedizin lange vorwiegend der Behandlung von Symptomen widmete, richtet sich Ayurveda von Anfang an vorrangig auf die Prävention: So ist die Vermeidung von Krankheiten das Ziel aller ayurvedisch orientierten Therapeutinnen und Therapeuten. In Indien und zahlreichen südasiatischen Ländern ist Ayurveda staatlich anerkannt und der konventionellen Medizin rechtlich gleichgestellt. Auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Ayurveda als medizinische Wissenschaft anerkannt.
Ayurveda: Interesse der westlichen Wissenschaft wächst
In Deutschland hat Ayurveda oft noch ein reines Wellness-Image, doch immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erkennen an, dass es sich um ein komplettes Diagnose- und Therapiesystem handelt, das unsere westliche Medizin ergänzen kann. Dazu zählen zum Beispiel die Mitglieder der Ärztegesellschaft für Ayurveda-Medizin e. V. (DÄGAM). Sie haben es sich zum Ziel gemacht, eine seriöse Ayurveda-Forschung zu fördern, um effektive Behandlungsmöglichkeiten des Ayurveda im Rahmen moderner integrativer Gesundheitskonzepte zu erweitern und für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen.
Auch eine Forschungsplattform der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde der Charité − Universitätsmedizin Berlin und des Zentrums für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin erforscht u. a., welche positiven Effekte Ayurveda für unsere Gesundheit haben kann. Studienergebnisse deuten zum Beispiel darauf hin, dass eine ayurvedische Behandlung bei der Linderung der Symptome von Kniearthrose hilfreich sein kann. Um das Ausmaß der Wirksamkeit zu belegen, müssen jedoch noch weitere Studien durchgeführt werden.
Die Theorie der fünf Elemente
In der Philosophie des Ayurveda spielt die Theorie der fünf Elemente eine wichtige Rolle. Sie besagt, dass alles im Universum aus fünf Elementen besteht: Raum/Äther, Erde, Feuer, Luft und Wasser. Laut der Lehre besteht auch jeder Mensch zu unterschiedlichen Anteilen aus diesen Elementen, die Zusammensetzung ist dabei individuell. Dies zeigt sich zum Beispiel im äußeren Erscheinungsbild, in emotionalen Reaktionen, in Körperfunktionen und im Charakter. Im Ayurveda dient das Fünf-Elemente-System dazu, Stärken und Schwächen der persönlichen Konstitution zu erkennen und einen Weg zu finden, das Gleichgewicht der Elemente aufrechtzuerhalten oder, falls notwendig, zu beeinflussen.
Ayurveda-Basics: die drei Dosha-Typen
Die fünf Elemente werden im Ayurveda zu drei vitalen Energien kombiniert – die sogenannten Doshas. Diese bestehen jeweils aus zwei der fünf Elemente:
- Vata: Raum/Äther und Luft
- Pitta: Feuer und Wasser
- Kapha: Wasser und Erde
Die jeweiligen Doshas steuern im Ayurveda alle körperlichen und geistigen Vorgänge. Und so ist jedes Dosha in jeder Zelle unseres Körpers präsent, allerdings in unterschiedlicher Gewichtung. Die vitalen Energien befinden sich in einem ständigen Tanz miteinander und sorgen – sofern sie ausgewogen sind – für Gesundheit und ein individuelles Gleichgewicht. Dieses gesunde Gleichgewicht wird im Ayurveda als Grundkonstitution bezeichnet.
Vata-Typ
Wesen: kreativ, spontan, begeisterungsfähig, brauchen neue Impulse, mögen Veränderung, lassen sich ungern einengen.
Statur: groß und schlank oder klein und zierlich.
Merkmale: trockene Haut, kalte Hände und Füße, leichter Schlaf.
Pitta-Typ
Wesen: ehrgeizig, ausgeprägtes analytisches Denken, gut organisiert, leistungsstark, risikofreudig.
Statur: mittelgroß, normalgewichtig, sportlich-athletisch.
Merkmale: gut durchblutete Haut, können bei großem Hunger gereizt reagieren.
Kapha-Typ
Wesen: geduldig, harmoniebedürftig, familiär orientiert, geordnet, mögen Routine und Beständigkeit.
Statur: Neigung zum Übergewicht.
Merkmale: widerstandsfähig, gut funktionierendes Immunsystem, Kraft, Stabilität, guter Schlaf.
Wichtig zu wissen:
Die meisten Menschen sind eine Mischung aus zwei Dosha-Typen.
Die Grundkonstitution ist im Ayurveda von größter Bedeutung – sie entspricht dem Zustand, in dem wir uns gesund fühlen. Um diese Harmonie zu fördern, muss der Mensch die Lebensweise führen, die zu seinem Konstitutionstyp passt. Dazu zählt auch die Wahl der richtigen Ernährung. Denn so individuell wir Menschen sind, so individuell sind auch unsere Bedürfnisse. Entfernen wir uns von unserer Konstitution, ist das Gleichgewicht gestört. Im Ayurveda existiert daher auch nicht ein Mittel für eine Krankheit.
Ayurveda-Küche: mehr Wohlbefinden durch achtsamen Genuss
Ayurveda bedeutet Genuss – aber ohne Reue. Denn die altindische Naturmedizin setzt bewusst auf ausgewählte natürliche Lebensmittel und eine bekömmliche, verdauungsfördernde Zubereitung. Auf diese Weise sollen Körper, Psyche und Intellekt täglich gestärkt werden. Eine gesunde Ernährung wird im Ayurveda anhand der Konstitutionstypen ausgerichtet und an die Lebensbedingungen jedes einzelnen Menschen angepasst, dazu zählt auch die Klimazone, in der wir leben. Denn wer in kälteren Regionen der Erde lebt, benötigt andere Speisen und Gewürze als jemand, der im tropischen Raum lebt und arbeitet. So kann die ayurvedische Ernährungslehre als System auf jede lokale Küche angewendet werden. Grundsätzlich wird warme Nahrung im Ayurveda bevorzugt. Eisgekühlte Speisen und Getränke gilt es zu vermeiden, genauso wie Fertigprodukte, Zucker, Alkohol, Fleisch, Kaltes und Säure. Wer seine Speisen mit Fenchel, Ingwer, Kardamom, Koriander, Kurkuma oder Safran würzt, unterstützt die Verdauung.
Ashwagandha & Co. – die Bedeutung von Kräutern im Ayurveda
Im Ayurveda gelten Kräuter als Medizin. Sie dienen dazu, die Gesundheit zu stärken und Krankheiten zu behandeln. Zu den wichtigsten zählen Amalaki, Ashwagandha, Brahmi, Gotulaka und Neem. Aktuell erfreut sich die Schlafbeere Ashwagandha hierzulande größter Beliebtheit, sie soll gegen zahlreiche Probleme wie Stress und Schlaflosigkeit helfen. Noch sind sich Wissenschaftler jedoch nicht sicher, welche bioaktiven Bestandteile der Pflanze helfen und wie sie genau wirken. Hinzu kommt, dass Nahrungsergänzungsmittel wie Ashwagandha nicht für jeden von Vorteil sind; denn im Ayurveda werden diese Kräuter auf Grundlage der Symptome, der Konstitution und des medizinischen Hintergrunds einer Person verschrieben.
Kräuter spielen auch bei Pinda Sweda eine wichtige Rolle: Die ayurvedische Massage mit Kräuterstempeln wird vor allem bei chronischen Rückenschmerzen, neurologischen Erkrankungen, Gelenkschmerzen und rheumatischen Beschwerden eingesetzt. Sie kann aber auch einfach der Entspannung und Erholung dienen.
Ayurvedische Kuren und Ausleitungsverfahren
Seit die alte ayurvedische Naturheilkunde im Trend liegt, boomen Ayurveda-Kuren im asiatischen Raum. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile zahlreiche Kliniken mit gut ausgebildetem Fachpersonal, die medizinische Ayurveda-Kuren unter ärztlicher Leitung anbieten. Zu den bekanntesten ayurvedischen Kuren zählt Panchakarma – eine intensive Reinigungskur, bei der auch Ausleitungsverfahren über den Darm, das Blut, die Nase oder die Haut angewendet werden. Ziel der Panchakarma-Kur ist es, Unreinheiten und Umweltgifte zu entfernen, die Krankheiten auslösen. Wissenschaftliche Studien, die die Wirkung von Panchakarma-Kuren ausreichend belegen, stehen allerdings noch aus.
Ayurveda für Anfänger: kleine Wohlfühlrituale im Alltag
Mithilfe des modernen Ayurveda können wir unseren Lebensstil so gestalten, wie es uns guttut. Oftmals reichen bereits kleine Veränderungen, die uns mehr Wohlbefinden schenken. Diese Rituale der Selbstfürsorge lassen sich ganz einfach in den Alltag integrieren:
01
Trinken Sie nach dem Aufstehen ein Glas warmes Wasser, das bereitet den Verdauungstrakt auf den Tag vor.
02
Nehmen Sie sich etwas Zeit für eine Morgenroutine. Mit Meditation, positiven Affirmationen für den Tag oder einer Yogaeinheit.
03
Frühstücken Sie leicht verdaulich und vegetarisch. Die ideale Zeit dafür liegt zwischen 09:00 und 10:00 Uhr. Ein warmer Getreidebrei mit gedünstetem saisonalen Obst eignet sich besonders gut. Geben Sie Gewürze wie Zimt und Kardamom bei, das unterstützt die Bekömmlichkeit. Essen Sie achtsam, indem Sie sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der Nahrungsaufnahme.
04
Machen Sie das Mittagessen zur größten Mahlzeit des Tages: Im Ayurveda ist die Verdauungsenergie Pitta gegen 12:00 Uhr am höchsten. Hülsenfrüchte und Getreide eignen sich gut.
05
Machen Sie täglich moderaten Sport, die beste Zeit dafür ist morgens oder abends zwischen 18:00 und 20:00 Uhr. Dabei ist es wichtig, dass die Aktivität zu den inneren und äußeren Lebensumständen passt. Wenn Sie unter starkem Stress stehen, eignet sich ein entspannendes Training wie Yin Yoga oder Spazierengehen besser als ein intensives Bewegungsprogramm.
06
Das Abendessen sollte vor 19:00 Uhr stattfinden, leicht, fettarm, vegetarisch und gekocht sein. Ideal eignen sich Gemüsesuppen, Getreide mit Gemüsesauce, Kartoffel-Curry und Tofu.
07
Stimmen Sie den Körper am Abend mit entspannenden Ritualen auf den Schlaf ein. Yoga, Meditation, Kräutertees, beruhigende Düfte oder Massagen können dabei helfen.
08
Gehen Sie vor 22:00 Uhr schlafen, laut Ayurveda dominiert am Abend vor 22:00 Uhr die ruhespendende Kapha-Energie. Dass sich regelmäßige Schlafzeiten generell positiv auf die Gesundheit und das gesamte Wohlbefinden auswirken, ist wissenschaftlich erwiesen: Jede einzelne Zelle unseres Körpers besitzt ein molekulares Uhrwerk, das in einem geregelten Rhythmus besser funktioniert.
09
Verwöhnen Sie sich einmal pro Woche vor dem Duschen oder Baden mit einer sanften Seidenhandschuhmassage, um die Poren zu öffnen. Danach massieren Sie Ihre Haut mit warmem Pflanzenöl. Diese Form der ayurvedischen Massage nennt sich Abhyanga und gilt als einer der größten Akte der Selbstliebe. Das Öl sollte dabei handwarm sein, Sie können es in einem Wasserbad vorsichtig auf Temperatur bringen. Die Massagen sorgen für Frische und regen den Stoffwechsel an.
Unser Tipp: die Behandlungsmethode „Padabhyanga“
Erleben Sie die harmonisierende Wirkung unserer ayurvedischen Fuß- und Beinmassage. Sie wärmt Ihren Körper von innen und wirkt ausgleichend auf den Geist. Finden Sie zurück in Ihr inneres Gleichgewicht an einem Ort vollkommener Ruhe und Geborgenheit.